Big Brother City
27. Dezember 2009

In Großbritannien gibt es 4 Millionen Videokameras, das heißt eine Kamera für 14 Einwohner. Die Orwellsche Dimension verwirklicht sich gerade in der britischen Hauptstadt. Sie ist die wahre Versuchsküche für “Big Brother” geworden.

Duncan Campbell, freier Journalist und Verfasser des Berichts über das Abhörsystem Echelon für das Europäische Parlament, zeigt die Orwellsche Dimension der britischen Hauptstadt, die eine wahre Versuchsküche für Big Brother geworden ist. In London, so Duncan Campbell, herrschen science-fiction-artige Zustände, die sogar Orwells Phantasie noch übertreffen. Überall überwachen Kameras die als potentielle Kriminelle betrachteten Bürger. Das Erstaunlichste ist, dass die Bevölkerung diesen Zustand schicksalsergeben akzeptiert. Haus und Auto waren bisher die letzten Bastionen der Privatsphäre, doch selbst das soll sich ändern.

2007 führte Großbritannien auf dem gesamten Staatsgebiet ein System zur automatischen Nummernschild-Erkennung ANPR ein . “Mit Hilfe eines Netzes von Kameras, die automatisch die Kennzeichen aller vorbeifahrenden Fahrzeuge erfassen, soll eine riesige Datenbank geschaffen werden. Sie gibt Polizei und Sicherheitsdiensten Auskunft über sämtliche Strecken, die ein Fahrer zurückgelegt hat”, betont Duncan.

Auch der Markt für Hausüberwachungssysteme boomt in Großbritannien. Der Inhaber eines Fachgeschäfts bekräftigt, dass er 90 % seines Umsatzes im privaten Bereich erzielt. Von der klassischen Überwachungskamera an der Haustür bis zum stecknadelkopfgroßen Hightech-Spion kann man alles kaufen.

Und jeder bespitzelt jeden. Im Londoner Stadtteil Shoreditch zum Beispiel sind die Überwachungskameras über Kabel allen zugänglich. Für 3,50 £ pro Woche können Abonnenten die Bilder von ca. 400 Kameras auf dem heimischen Fernsehgerät empfangen. Die Aktion wurde gestartet, um gegen unsoziales Verhalten vorzugehen. Für Duncan Campbell wirft diese gegenseitige Bespitzelung allerdings die Frage nach dem Schutz schwacher Menschen, zum Beispiel Kinder, auf.Selbst wenn die Mehrheit der Briten die ständige Überwachung zu akzeptieren scheint, werden doch auch kritische Stimmen laut. Sie richten sich vor allem gegen die biometrische Datenerfassung. Die Datenbank genetischer Fingerabdrücke wächst beunruhigend schnell. Das britische DNA-Register ist das umfangreichste der Welt. In ihm sind 5,24 % der Bevölkerung verzeichnet, gegenüber 1,13 % in den Vereinigten Staaten und 0,41 % in Deutschland. In Frankreich wird nur jeder tausendste Bürger erfasst, aber die Tendenz ist steigend. “Der britische Bürger wird nicht mehr nur gefilmt, sondern auch von Kopf bis Fuß biometrisch erfasst”, bemerkt Duncan. Dies dient vor allem der Zugangskontrolle zu Schulen, Privatclubs und Stadien.

Doch die Kontrolle jedes einzelnen Menschen lässt sich noch weiter treiben. Vor einigen Monaten gelang es dem britischen Wissenschaftler Kevin Warwick, durch zwei elektronische Implantate sein Nervensystem mit einem Computer zu koppeln. Der erste Cyborg der Welt! Wird man demnächst die Maschinen mit dem menschlichen Gehirn vernetzen?

Die 27-minütige ARTE-Doku wurde 2007 von Xavier Muntz und Bruno Fay abgefilmt.

Kommentare
Schreibe einen Kommentar