Zinskritik der Religionen
Basiszinssatz, Erbbaurechtzins, Geldmarktzins, Hypothekenzins, Kapitalmarktzins, Kreditzins, Naturalzins, Pachtzins, Spareckzins und Überziehungszins. Die Liste könnte beliebig fortgeführt werden. Wir kennen mittlerweile so viele Zinsarten, dass uns nicht nur die Benennung der Arten, sondern der Zins an sich, zu überwuchern droht. Die meisten großen Weltreligionen haben den Wucherzins hingegen verpönt, verachtet und vielfach unter Todessstrafe gestellt. Doch in einer Zeit, in der der Kapitalismus immer mehr vergöttert und das Geschäft Gottes immer weniger besucht wird, scheinen andere Gesetze zu herrschen. Ein Streifzug durch die Zinsgeschichte der Religionen soll zeigen, dass eine Welt jenseits der 25% Rendite möglich ist.

Kürzlich vernahm man in der politischen Kabarett-Sendung Neues aus der Anstalt, dass es gegenwärtig im Vatikan keine Experten mehr für die Interpretation des Zinsverbots gäbe. Dies verwundert doch sehr, da die katholische Kirche sich in ihrer Geschichte vehement gegen die Zinsknechtschaft ausgesprochen hat. Auch wenn seit dem Untergang des byzantinischen Reichs im Jahre 1204 die Kontrolle der Geldmacht vom Kaiser auf den König übergegangen ist, so verblasste der himmlische Einfluss niemals ganz; er verlagerte sich bloß. Die Religion spielte weiterhin eine herausragende Rolle im abendländischen Wirtschaftsleben. Der Einfluss auf das Wirtschaftsdenken war nahezu ungebrochen und zu den stärksten Waffen der Kirche gehörte die moralische Überzeugungsarbeit wider den Wucherzins. Genau für jene moralische Unterstützung soll es am Anfang des 21. Jahrhunderts keine Experten mehr geben, obschon der weltweite Schuldenberg mittlerweile apokalyptische Ausmaße annimmt, so dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Zins und Zinseszins mehr denn je geboten scheint.

Da stellt sich einem doch gleich die Gretchenfrage: Warum? Warum gibt es trotz aller Dringlichkeit im Vatikan heutzutage keine Experten mehr, die sich mit dem Thema des Zinses und dessen Verbot auseinandersetzen? Und gleich im Anschluss, warum gibt es generell so wenig kritische Stimmen gegen das bestehende Zinssystem, doch dies wäre eine eigenständige Erörterung wert. Gibt es vielleicht deswegen so wenig kirchliche Kritiker, weil die Kirche sich aus den weltlichen Belangen komplett zurückgezogen hat und sich nur noch den himmlischen Angelegenheiten widmet? Dies klingt doch ziemlich abwegig, allein aufgrund des überaus reichen Bestands an weltlichen Besitztümern. Der Verdacht keimt auf, dass sich die Kirche im Laufe der Zeit nicht unbedingt dem allgegenwärtigen Wirtschaftdiktat unterworfen hat, sich dennoch mehr und mehr mit diesem zu arrangieren weiß. Zumindest scheint sie den Vorzügen eines solchen Arrangements nicht unbedingt abgeneigt gegenüber zu stehen. Ein Blick in die Anlagengeschäfte der katholischen Pax-Bank spricht für sich selbst. Warum auch immer die Kirche sich aus diesen Angelegenheiten heraushält, bleibt weitestgehend spekulativ, dass dies nicht immer so gewesen ist und die Geschichte der großen Weltreligionen ein anderes Bild zu zeichnen weiß, kann hingegen an zahlreichen Beispielen glaubhaft belegt werden.

In vielen Philosophien und Religionen lässt sich eine skeptische Haltung gegenüber dem Zinssystem ausmachen. In der Mehrzahl der überlieferten Sitten- und Gesetzeskodizes werden die gesellschaftsschädlichen Auswirkungen eines zügellosen Zinssystems erkannt und entweder vermieden oder eingegrenzt. In der Regel erfolgte die Eingrenzung durch die kontrollierte Begrenzung der jeweiligen Zinssätze. Eine der ältesten Gesetzessammlungen der Welt, der Kodex Hammurabi, erstellt vor über 4000 Jahren von König Hammurabi von Babylon, beschränkte den für Bauern geltenden Pachtzins auf ungefähr ein Drittel ihres Ertrages. Damals wie heute würde man dies als Wucher empfinden, doch kam es als Ausgleich immer wieder zu einer allgemeinen Schuldenamnesie, verordnet durch den König. Auch außerhalb von Mesopotamien wird man fündig. Der griechische Geschichtsschreiber Plutarch unterrichtet uns darüber, dass der Spartaner Lykurg im 8. Jahrhundert v. Chr. umfassende Reformen in die Wege leitete, um die Gesellschaft von einer korrupten Minderheit zu befreien, deren Gier durch das Eintreiben von Wucherzinsen unersättlich wurde. Ebenso war man der durch Wucherdarlehen entstandenen Schuldenknechtschaft im Athen des 6. vorchristlichen Jahrhunderts überdrüssig. Der Landbesitz der freien Kleinbauern ging immer mehr in die Hände der herrschenden Oligarchie über, bis schließlich Solon mit seinen Reformen für Abhilfe sorgte. Solon verbot die Versklavung von Menschen als Sicherheit für die entstandenen Schulden, darüber hinaus hob er die bestehenden Schuldenverträge auf und gab den Bauern ihr gepfändetes Land zurück. Solons Reformen waren dermaßen erfolgreich, dass sie sogar in den Gesetzbüchern Roms ihren Niederschlag fanden. In der römischen Gesetzessammlung des 6. nachchristlichen Jahrhunderts senkt Kaiser Justinian die Zinsbeschränkung von 12,5 auf 6 Prozent und verfügte darüber, dass die Zinssumme die gegebene Kreditsumme nicht zu übersteigen hatte.

Selbiges galt für das Karolingische Recht, in dem sich Karl der Große mit seinen im Jahre 806 verabschiedeten Gesetzen für ein generelles Wucherverbot einsetzte. Zuletzt sei in diesem Zusammenhang noch auf den griechischen Philosophen Aristoteles verwiesen, da seine Zinskritik sowohl inspirierend auf die Moslems als auch die Scholastiker wirkte. Aristoteles` Grundaussage lautet, dass Geld prinzipiell unfruchtbar sei und der Gesellschaft lediglich als Maß und Tauschmedium diene. Die Praxis des Wuchers stehe schließlich dem eigentlichen Zweck des Geldes entgegen. „Infolgedessen ist von allen geschäftlichen Manipulationen diese am meisten wider die Natur“. Die in den römischen Gesetzestexten vorherrschende Regelung, die Kreditsumme als Obergrenze für die zu zahlende Zinssumme festzusetzen, findet sich zum Beispiel auch in einer der ältesten Religionen der Welt wieder, dem Hinduismus. Mit der Erlangung der vollen Darlehenshöhe, war auch hier von Gesetzeswegen keine weitere Zinsberechnung mehr gestattet. Das bedeutet schließlich eine maximale Schuldenlast von 100 Prozent.

Eine ähnliche Sichtweise ist auch in den drei abrahamitischen Religionen vorzufinden. In der heiligen Schrift des Islam steht sinngemäß, dass die Gottesgläubigen und Gottesfürchtigen das Zinsnehmen bleiben lassen sollen, andernfalls würde ihnen der Krieg von Gott und seinen Gesandten erklärt. Gott hat laut islamischen Glauben lediglich das Kaufgeschäft erlaubt und das Zinsgeschäft hingegen verboten. Diejenigen, die das Zinsnehmen nicht sein lassen können, werden Insassen des Höllenfeuers sein und ewiglich darin verweilen. Die Anderen, die sich um die Armen und Bedürftigen kümmern, werden über die Maßen von Gott belohnt werden. In diesem Zusammenhang wird das Zinsverbot auch heute noch von der Mehrheit der Muslime verstanden: Jede Art von Geschäft, bei dem ein Gewinn ohne irgendeine Gegenleistung entsteht, verstößt gegen das Gerechtigkeitsempfinden im Allgemeinen und berührt das islamische Gesetz des Zinsverbots im Besonderen. Nicht minder hart zieht das vor allem für das Judentum bedeutsame Alte Testament mit den Wucherern ins Gericht. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft war das Betreiben des Wuchergeschäfts strengstens verboten und außerhalb zumindest der Theorie nach ungern gesehen. Im Alten Testament urteilt man über die Wucherer schließlich so: „Er soll nicht leben, sondern weil er solche Greuel alle getan hat, soll er des Todes sterben; sein Blut soll auf ihm sein.“ Kurz um, die Parallelen zwischen dem islamischen und dem jüdischen Wucherverbot sind offensichtlich. Beide sprechen sich entschieden gegen eine übermäßige Ausbeutung des Nächsten aus: Zuwiderhandlung zieht nebst den weltlichen Konsequenzen kaum vorstellbare jenseitige Auswirkungen nach sich.

Moderater geht es im Christentum zu. Im Gegensatz zum Koran oder dem Alten Testament enthält das Neue Testament kein ausdrückliches Zinsverbot. Die Zinsabgabe an den Kaiser wird schon zu Zeiten Jesu von der Menge hinterfragt: Auf die Frage, ob eine Zinsabgabe an den Kaiser gerechtfertigt sei, antwortete Jesus: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Die Antwort war den Fragenden nicht eindeutig genug und die daraus resultierende Unschlüssigkeit zieht sich durch die gesamte Zinsgeschichte des Christentums. Zwar bewegte sich die katholische Kirche in Bezug auf den Wucher stets sehr langsam, dennoch tritt sie ihm im Laufe der Jahrhunderte immer Wohlgesonnener entgegen. Schlussendlich tritt sie ihm gar nicht mehr entgegen.

Zu Beginn des Christentums war die Erhebung eines geringen monatlichen Zinssatzes von Gesetzeswegen gestattet, die Kirche verbot hingegen das Zinsnehmen. Mit der Ausbreitung des kirchlichen Einflusses wurde diese Regelung im frühen Mittelalter auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt. Die Priester wurden angewiesen, das Volk in ihren Predigten vom Zinsnehmen abzuhalten. Zu ihrer Blüte gelangte diese Anordnung im Hochmittelalter des 12. Jahrhunderts. Mit dem Konzil von Tours, wurde 1163 der Beschluss gefasst, dass offenkundiger Wucherbetrieb zur Exkommunikation und zur Aberkennung der heiligen Sakramente führe. Im Klartext bedeutete dies, den Beschuldigten wurde eine Beerdigung auf kirchlichem Boden verwehrt. Die reuigen Sünder konnten die Strafe bloß dadurch abwehren, indem sie das Opfer zu Lebzeiten gebührend entschädigten, oder der Kirche eine entsprechende Summe zukommen ließen, die wiederum den Bedürftigen zugute kam. Diese Vorstufe des Ablasshandels bescherte der Kirche einen immensen Reichtum und ersparte den Wucherern ihre Höllenqualen. So heißt es bei Goethe: “Rechnung für Rechnung ist berichtigt. Die Wucherklauen sind beschwichtigt. Los bin ich solcher Höllenpein. Im Himmel kann’s nicht heitrer sein.”

Genauso wie das Geschäft mit dem Fegefeuer immer besser florierte, genauso breitete sich der Warenhandel jener Zeit immer weiter aus. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte sich der Handel schließlich fest in der Gesellschaft etabliert und den damit einhergehenden Geldverleih weitestgehend legitimiert. Der monetäre Einfluss der Geldverleiher wuchs immer weiter an und die moralische Macht der Kirche geriet zunehmend ins Hintertreffen. Dem Fortschritt der Zeit unterliegend, stimmte die katholische Kirche 1822 schließlich der Verbreitung des heliozentrischen Weltbildes zu und schaffte das Zinsverbot begründungslos ab. Im gültigen Gesetzbuch der katholischen Kirche, dem Codex Iuris Canonici (1983), sucht man auch heutzutage noch vergebens nach zinskritischen Gesetzespassagen. So verwundert es nicht sonderlich, dass der Kirche nach zweihundertjähriger Abstinenz gegenwärtig die Zinsexperten ausgegangen sind.

Dabei wäre ein moralischer Appell beziehungsweise ein aufrüttelnder Weckruf dringlicher denn je. Eine Schrift wie „An die Pfarrherren wider den Wucher zu predigen“, verfasst von Martin Luther im Jahr 1540, würde heutzutage eine Hörerschaft von ca. 2,3 Milliarden Christen erreichen. Ein Drittel der momentanen Weltbevölkerung bekäme sodann zu hören, dass „wer etwas leihet und darüber oder besser nimmt, der ist ein Wucherer und verdammt als ein Dieb, Räuber und Mörder“. Es ist kaum vorstellbar, was eine solche Menschenmenge in die Wege leiten könnte. Auch die Philosophen sollten sich nicht entspannt zurück lehnen und das Feld den Theologen oder sonst wem überlassen, sondern es dem Aristoteles gleichtun und in die Welt hinaus schreien: „So trifft der allgemeine Hass mit der größten Berechtigung, die Kunst des Geldausleihers, weil hier der Gewinn vom Geld selbst kommt“. Schließlich stehen wir alle in der Schuld des Anderen. Jeder Mann und jede Frau schuldet es sowohl sich selbst als auch dem Nächsten, sowie allen zukünftigen Generationen. Wir alle stehen in der Pflicht uns über die wahre Natur des Geld- und Zinssystems zu informieren, denn hier geht es einzig und allein um uns.

Es ist an der Zeit dem Schein des Geldes auf die Spur zu kommen, so dass das Geheimnis des Geldscheins gelüftet wird. Die momentane Staatsverschuldung Deutschlands beläuft sich auf 1,7 Billionen Euro und sekündlich kommen ca. 2.300 Euro allein an Zinsschulden neu hinzu. Vom Vater Staat ist in diesem Falle kaum Unterstützung zu erwarten, zum einen beweisen die jüngsten Ereignisse wie sehr der Politik die Hände gebunden sind, zum anderen wacht der Staatsapparat selbst über diese Art des Systems. Im Bürgerlichen Gesetzbuch ordnet der § 248 Absatz 1 an, dass ein Bürger von einem anderen Bürger zwar Zinsen, aber keine Zinseszinsen nehmen darf. Im 2. Absatz fügt der Gesetzgeber sogleich eine Ausnahmeregelung für Sparkassen, Kreditanstalten und Inhaber von Bankgeschäften hinzu. Diese können sowohl die Zahlung von Zinseszinsen versprechen als auch eintreiben. Das Geschäft mit dem Wucher ist also nur einer kleinen Minderheit vorbehalten. Doch eines ist gewiss, am Ende wird die große Mehrheit wieder einmal für den entstandenen Schaden aufkommen. Der Staatsbürger wird mit seinem guten Namen bezahlen müssen und im wahrsten Sinne zum Bürgen des Staates werden.

Wird der Wucher mit all seinen negativen Effekten nicht bald bekämpft, so unterwirft er die Gesellschaft allmählich einer Form der Sklaverei, in der Leiharbeit und 1-Euro-Jobs lediglich den Anfang bilden. Aktuelle Studien weisen bereits jetzt darauf hin, dass diese Form der Arbeitsvergabe gegen das Völkerrecht, explizit gegen das Verbot von Zwangs- und Pflichtarbeit verstößt. Zum Vergleich, der Stundenlohn eines Gefängnisinsassen beträgt in Deutschland ungefähr 1,70 Euro. Freiheitsentzug oder Hartz IV? Keine einfache Frage, die Bürgerrechte werden allem Anschein nach sowieso beschränkt! Für die Rechte der Bürger setzte sich hingegen die anglikanische Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein. Sie hatte einen entscheidenden Anteil daran, dass die Bank of England schließlich verstaatlicht und dem Papier nach in den Dienst des Volkes gestellt wurde. Dieses Beispiel zeigt, dass zinskritische Appelle auch in der heutigen Zeit nicht ungehört bleiben. In der dafür maßgeblichen moralischen Erklärung mahnte der damalige Erzbischof von Canterbury, William Temple, vor den Folgen des Geld- und Zinssystems: „Das System hat sich anormal entwickelt …, so dass etwas zum Herr wird, das Diener sein sollte.“ Wir alle sind das Opfer einer ungerechtfertigten privaten Bereicherung. Es wird Zeit, denn wie heißt es bei Henry Ford so schön: “Zeit ist Geld”! (Markus Altmann)

Kommentare
von Sascha Krug
Gepostet 14. Januar 2010 at 01:22

Danke!
Es ist schön, dass immer mehr Menschen sich über die uns an erlegten “Ketten” Gedanken machen und dies zum nachlesen und nachdenken niederschreiben.

Ich glaube an Gott unseren Vater im Himmel!
Die Kirche jedoch hat sich meines Erachtens von Gott entfernt.

Best Regards

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